Die Generation in der Mitte: Zwischen Fürsorge, Perfektionismus und den „monströsen“ Seiten des Alltags
Zwei Freundinnen, eine verschobene Reise und unzählige Aufgaben. Drei einfache Impulse für die Generation in der Mitte im Rahmen des Events „Il Tempo delle Donne“.
Ein Auftakt-Dialog: Le Mostre
(Elisa Maria Bottiglieri und Marianna Folli treffen hektisch aufeinander, Handtaschen über den Schultern, die Handys in der Hand.)
Elisa: „Marianna! Unglaublich, dass wir uns endlich sehen! Wir wollten doch schon ewig zusammen verreisen. Wie sieht es aus?“
Marianna: „Ich würde sofort meinen Koffer packen! Aber du weißt ja, wie es ist: Meine Mutter ist krank, ich fahre ständig mit ihr von einem Arzttermin zum nächsten. Und die Kinder müssen nachmittags überall hingebracht werden.“
Elisa: „Das kenne ich zu gut. Ich laufe zwar garantiert keinen Marathon mehr, aber meinen Mann fahre ich fast jeden Tag zum Sport. Gefühlt esse ich seit Wochen nur noch im Stehen zwischen zwei Mails. Wir brauchen dringend einen Gin Tonic und einen Abend nur für uns!“
Marianna: „Pflanzen wir ein Datum ein! Was meinst du, Oktober?“
Elisa: (seufzt) „Ach Marianna, ehrlich gesagt … im Oktober geht die Schule wieder richtig los, meine Mutter hat Kontrolltermine und bei der Arbeit brennt die Hütte. Schieben wir es realistisch lieber direkt auf nächstes Jahr.“
Marianna: „Du hast recht. Nächstes Jahr! Keines der Kinder ruft uns dann hoffentlich an und die Arbeit muss warten. Ein Abend mit einem kühlen Drink und ohne schlechtes Gewissen!“
(Beide umarmen sich eilig, die Telefone klingeln gleichzeitig.)
Elisa: „Schreib mir unbedingt! Hast du noch meine neue Nummer?“
Marianna blickt auf die Uhr und erschrickt. „Oh Gott, Elisa, ich muss dringend zum nächsten Termin, sonst komme ich viel zu spät! Wir finden uns irgendwie!“
Sie dreht sich um und hetzt davon, bis sie in der Menge verschwindet. Erst fünf Minuten später, mitten im Laufen, bleibt sie abrupt stehen. Gedanklich noch völlig überfordert von all den Terminen und Pflegeplänen, kramt sie in ihrer Tasche, starrt ungläubig auf ihr Handy und schüttelt ratlos den Kopf: Sie hatte ganz vergessen, sich überhaupt die Nummer zu notieren.
Mit diesem lebensnahen, augenzwinkernden Auftakt des Theaterduos Le Mostre startete die Diskussion beim Event „Il Tempo delle Donne“. Das Stück traf den Nerv unzähliger Frauen der Generation X – jener Generation um die Fünfzig, die an einem völlig neuen gesellschaftlichen Wendepunkt steht. Es ist die erste Generation, in der späte Mutterschaft zum Alltag gehört: In Italien liegt das Durchschnittsalter beim ersten Kind mittlerweile bei 32 Jahren, und das Land nimmt bei Erstgebärenden über vierzig europaweit eine Spitzenposition ein. Das Ergebnis? Viele Frauen in ihren Fünfzigern begleiten zu Hause Teenager durch die Pubertät, während gleichzeitig die eigenen Eltern älter und pflegebedürftig werden. Und genau in diese Phase extremer Doppelbelastung fallen oft auch noch die Wechseljahre.
Laura Turuani, Psychotherapeutin am Istituto Minotauro und Autorin von „Le Schiacciate“.Laura Turuani: Le Schiacciate (Solferino).
Diese vielschichtige Dynamik analysiert die Psychotherapeutin Laura Turuani vom Mailänder Istituto Minotauro in ihrem Sachbuch „Le Schiacciate“. Der Titel, übersetzbar als „Die Zerriebenen“, beschreibt treffend die Lage dieser Frauen, die Turuani aus ihrer täglichen Arbeit mit Müttern von Jugendlichen sowie aus ihrem eigenen Umfeld genau kennt. In ihrem Werk beleuchtet sie im Fließtext die drei zentralen physiologischen Wendepunkte im Leben einer Frau: Menarche, Mutterschaft und Menopause. Turuani charakterisiert die Frauen der Generation X als multitaskingfähig, perfektionistisch und stark kontrollorientiert. Sie wuchsen als letzte „brave Töchter“ mit traditionellen Pflichtwerten auf und wurden zugleich zu den ersten „guten Müttern“, die eine emotionale, affektive Familienkultur erfanden. Nun stehen sie vor der Herausforderung, dass körperliche Veränderungen wie Schlafstörungen, Erschöpfung oder Hitzewallungen mitten im vollgepackten Alltag auftreten, Symptome, die gesellschaftlich noch immer oft mit Scham besetzt sind und verschwiegen werden.
Einen erfrischend humorvollen und zugleich scharfsinnigen Kontrapunkt zu diesem enormen Leistungsdruck setzen Elisa Maria Bottiglieri und Marianna Folli mit ihrem Buch „Acqua, sapone e gin tonic“, das aus ihrem erfolgreichen Instagram- und Theaterprojekt Le Mostre hervorgegangen ist. Unter dem Untertitel „Erzählungen von monströsen Frauen, die in uns allen leben“ (Racconti di donne mostruose che vivono dentro di noi) zeichnen die beiden Autorinnen ein satirisches Bestiarium tragikomischer weiblicher Alltagsfiguren. Sie zeigen auf überspitzte, aber erstaunlich reale Weise jene widersprüchlichen, „monströsen“ Facetten, die entstehen, wenn Frauen versuchen, allen gesellschaftlichen Erwartungen gleichzeitig gerecht zu werden. Durch feine Satire halten sie den Leserinnen einen Spiegel vor und laden dazu ein, über eigene Manien, Perfektionsansprüche und Überforderungen bei einem entspannten Drink herzlich zu lachen, statt sich von Schuldgefühlen erdrücken zu lassen.
Elisa Maria Bottiglieri & Marianna Folli: Acqua, sapone e gin tonic (De Agostini).
Mit Francesca Chillemi kam auch die Sichtweise der jüngeren Generation zur Sprache. Die Schauspielerin ist zwar selbst noch nicht in den Fünfzigern, gab aber ehrlich zu, wie wenig junge Frauen über die Realität der Generation X wissen. Als arbeitende Mutter kennt sie das Gefühl, zwischen Beruf und Familie aufzureiben, nur zu gut. Umso mehr berührte sie das Gespräch. Ihre Botschaft: Von den Erfahrungen der Generation in der Mitte können auch Jüngere enorm viel lernen – vor allem, wenn es darum geht, frühzeitig Stopp zu sagen und starre Erwartungen abzustreifen.
Von links: Le Mostre (Elisa Maria Bottiglieri & Marianna Folli), Francesca Chillemi, Francesca Grandi, Laura Turuani.
Wege aus der Überforderung: Was Frauen jetzt wirklich hilft
Aus den Expertenanalysen, den Impulsen aus der Arbeitswelt und den persönlichen Berichten auf dem Podium lassen sich konkrete Wege ableiten, wie die Generation in der Mitte wieder zu mehr Balance und Selbstbestimmung findet.
Der erste wichtige Schritt ist Aufklärung und Enttabuisierung. Die Wechseljahre sind weder eine Krankheit noch der Beginn des körperlichen Verfalls, sondern ein ganz natürlicher Wandel im Leben. Wenn Frauen verstehen, welche hormonellen Umstellungen in ihnen vorgehen und wie der sinkende Östrogenspiegel Schlaf, Stimmung, Herz und Knochen beeinflusst, verliert diese Phase ihren Schrecken. Wer weiß, was im eigenen Körper passiert, verliert die Angst vor dem Kontrollverlust. Ob gezielte Beratung, Anpassungen im Alltag oder pflanzliche und medizinische Unterstützung: Es gibt viele Wege, Beschwerden wirksam zu lindern und die eigene Energie zurückzugewinnen.
Darüber hinaus erfordert die aktuelle Lebensphase ein bewusstes Verlangsamen und das Abrücken vom Perfektionsanspruch. Die Erwartung, Karriere, die Pflege der Eltern, die Erziehung von Teenagern und den Haushalt makellos zu steuern, führt zwangsläufig in die Erschöpfung. Im Unternehmenskontext betonte Francesca Grandi (HR-Leiterin bei Alpitour World), dass Arbeitgeber den Druck senken und flexible Rahmenbedingungen schaffen müssen, damit familiäre Pflegeaufgaben, wie die Begleitung älterer Angehöriger ins Krankenhaus, ohne berufliche Nachteile möglich sind. Auf persönlicher Ebene bedeutet Entschleunigung, die eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren. Es gilt zu lernen, Aufgaben abzugeben, Prioritäten neu zu setzen und auch den eigenen Kindern vorzuleben, dass Verlangsamung kein Scheitern, sondern ein Zeichen von Reife ist.
Eine der stärksten Schutzburgen gegen die Isolation ist die aktiv gelebte Schwesterschaft. Laura Turuani hebt die Fähigkeit von Frauen hervor, einander ohne Verurteilung zur Seite zu stehen. Der ehrliche Austausch im Freundeskreis, sei es über die Turbulenzen mit pubertierenden Jugendlichen, den Umgang mit den eigenen Wechseljahren oder ganz pragmatisch durch das Weitergeben der Kontaktdaten einer verlässlichen Pflegekraft, bringt direkte Entlastung im Alltag. Gemeinsam zu lachen, eigene Schwächen zuzugeben und sich gegenseitig von Schuldgefühlen zu befreien, verwandelt das Gefühl des Gefangenseins in ein tragendes Netzwerk.
Schließlich geht es darum, sich im Alltag wieder eigene Freiräume und kleine Rituale zurückzuholen. Nach Jahren, in denen Kinder, Partner und Job immer an erster Stelle standen, bietet die zweite Lebenshälfte die Chance, sich selbst neu zu entdecken. Wenn die Phase der Familienplanung abgeschlossen ist, setzt das oft eine ganz neue kreative, soziale und persönliche Energie frei. Dabei geht es nicht um unerreichbare Großprojekte: Schon fünf Minuten Ruhe am Morgen, eine heiße Tasse Tee, einmal tief Durchatmen oder ein spontaner Abend mit einer Freundin sind wertvolle Ankerpunkte. Sich Raum für sich selbst zu nehmen ist kein Egoismus, sondern die Voraussetzung, um gestärkt und gelassen durchs Leben zu gehen.
Verwendete Quellen
Laura Turuani: Le Schiacciate (Verlag Solferino) sowie Interview Cinquantenni, oggi: chi sono le ex ragazze della Generazione X (Istituto Minotauro / Repubblica).
Elisa Maria Bottiglieri & Marianna Folli (Le Mostre): Acqua, sapone e gin tonic (Verlag De Agostini).
Alessandra Graziottin: Figli adolescenti e madri in menopausa: binomio da paura.
Gynäkologische Fachmaterialien & Leitfäden: Il Climaterio (Dott. Walter Insegno) sowie Vivere serenamente la menopausa (Ospedale Villa Salus).